„Nein. Da liegst du falsch.“
Thomas sah den Satz auf dem Bildschirm an.
Er hatte ihn schneller geschrieben, als er darüber nachdenken konnte.
Eigentlich war er zu happinoa® gekommen, weil er selbst nicht mehr wusste, was richtig war.
Und jetzt erklärte er einer KI ziemlich entschieden, dass sie falschlag.
Es ging um seine Mutter.
81 Jahre alt. Seit dem Tod seines Vaters lebte sie allein in dem Haus, in dem Thomas und seine Schwester aufgewachsen waren.
Vier Zimmer. Garten. Keller. Eine Treppe ins Obergeschoss, die in letzter Zeit häufiger Thema geworden war.
Seine Schwester wollte, dass die Mutter in eine kleinere Wohnung zog.
Ebenerdig.
Nähe zum Ortszentrum.
Bushaltestelle vor der Tür.
Thomas war dagegen.
Zumindest glaubte er das.
Am Sonntag hatten sie wieder darüber gesprochen.
„Wir müssen langsam etwas unternehmen“, hatte seine Schwester gesagt.
„Warum müssen wir etwas unternehmen?“
„Weil Mama es nicht tut.“
„Vielleicht will sie es nicht.“
„Natürlich will sie nicht. Deshalb müssen wir ja mit ihr reden.“
Danach war das Essen ziemlich still geworden.
Seine Mutter hatte irgendwann gefragt, ob noch jemand Kartoffeln wollte.
Am Montagabend öffnete Thomas happinoa®.
„Meine Schwester will unsere Mutter praktisch aus ihrem Haus werfen.“
Er las den Satz noch einmal.
Er wusste, dass das nicht ganz fair war.
Er schickte ihn trotzdem ab.
happinoa® antwortete:
„Das klingt, als würdest du gerade ziemlich deutlich auf der Seite deiner Mutter stehen.“
„Ja.“
Dann schrieb Thomas:
„Wobei meine Schwester natürlich Gründe hat. Meine Mutter ist 81. Das Haus ist groß. Der Garten wird ihr zu viel. Und die Treppe ist auch nicht ideal.“
„Dann siehst du die Gründe deiner Schwester durchaus.“
„Natürlich.“
„Was macht ihren Vorschlag für dich trotzdem so falsch?“
Thomas tippte:
„Weil man einen Menschen doch nicht einfach aus seinem Zuhause nehmen kann.“
Er hielt inne.
Dann änderte er „nehmen“ in „holen“.
Dann löschte er den ganzen Satz und schrieb:
„Weil es ihr Zuhause ist.“
Sie sprachen eine Weile über das Haus.
Thomas erzählte von der Küche, die sein Vater vor fast dreißig Jahren selbst eingebaut hatte.
Vom Apfelbaum hinten im Garten.
Von der kleinen Werkstatt im Keller.
Von der Terrasse, auf der seine Mutter selbst im Oktober noch saß, wenn die Sonne schien.
„Sie hängt an diesem Haus“, schrieb Thomas.
happinoa® antwortete:
„Und möglicherweise hängt für dich ebenfalls einiges an diesem Haus.“
Thomas runzelte die Stirn.
„Es geht nicht um mich.“
„Das kann gut sein. Mir ist nur aufgefallen, wie viele deiner eigenen Erinnerungen auftauchen, während du erklärst, warum deine Mutter dortbleiben sollte.“
Thomas las die Antwort.
Dann schrieb er:
„Natürlich habe ich Erinnerungen daran. Ich bin dort aufgewachsen.“
„Genau. Deshalb könnte es sich lohnen, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Was dieses Haus für deine Mutter bedeutet – und was es für dich bedeutet.“
Thomas wurde ärgerlich.
„Nein. Da liegst du falsch.“
Er schickte den Satz.
„Meine Schwester sagt genau dasselbe. Dass ich das Haus erhalten will, weil ich meine Kindheit festhalten möchte. Darum geht es überhaupt nicht.“
happinoa® antwortete:
„Dann lass meinen Gedanken liegen.“
Mehr stand da zunächst nicht.
Dann:
„Was daran passt für dich nicht?“
Thomas begann zu schreiben.
„Weil mir völlig egal ist, wem das Haus irgendwann gehört.“
Er schrieb weiter.
„Sie kann es verkaufen. Sie kann es verschenken. Sie kann von mir aus auch morgen ausziehen.“
Er stoppte.
Las den letzten Satz.
Schrieb weiter.
„Wenn SIE das will.“
Da stand es.
Thomas schaute auf den Bildschirm.
happinoa® antwortete nicht sofort.
Dann erschien:
„Das klingt, als wäre das Haus vielleicht gar nicht der entscheidende Punkt für dich.“
„Nein.“
Thomas wusste plötzlich ziemlich genau, was ihn störte.
„Mich macht dieses Wir müssen jetzt etwas unternehmen wahnsinnig.“
„Was hörst du darin?“
„Dass wir entscheiden.“
„Anstelle deiner Mutter?“
„Ja.“
Thomas tippte weiter.
„Meine Schwester redet ständig darüber, was für Mama vernünftig wäre. Kleinere Wohnung. Keine Treppe. Weniger Garten. Alles richtig.“
Er hielt kurz inne.
„Aber niemand fragt sie wirklich, was sie will.“
Am nächsten Nachmittag rief seine Schwester an.
„Ich habe eine Wohnung gefunden“, sagte sie nach der Begrüßung. „Zwei Zimmer, Erdgeschoss, fünf Minuten vom Marktplatz. Wir könnten sie uns am Samstag mit Mama ansehen.“
Thomas wollte schon antworten.
Dann dachte er an das Gespräch vom Vorabend.
„Hast du Mama gefragt, ob sie sich überhaupt eine Wohnung ansehen möchte?“
Am anderen Ende wurde es still.
„Thomas, wir können doch nicht warten, bis etwas passiert.“
„Das sage ich nicht.“
„Was sagst du dann?“
Thomas ging zum Fenster.
„Ich glaube, wir reden die ganze Zeit über die falsche Entscheidung.“
„Welche wäre denn die richtige?“
„Weiß ich nicht.“
Seine Schwester seufzte hörbar.
„Sehr hilfreich.“
Thomas musste beinahe lachen.
„Ich meine das ernst. Vielleicht müssen wir gerade gar nicht entscheiden, ob Mama umzieht.“
„Sondern?“
„Vielleicht sollten wir sie erst einmal fragen, wie sie selbst über die nächsten Jahre denkt.“
„Das haben wir doch.“
Thomas schwieg.
Hatten sie?
Sie hatten über die Treppe gesprochen.
Über den Garten.
Über den Winter.
Über Einkaufsmöglichkeiten.
Über die Wohnung.
Über Vernunft.
„Ich glaube, wir haben ihr vor allem ziemlich viel erzählt.“
Seine Schwester sagte nichts.
Dann:
„Und wenn sie sagt, dass sie bleiben will?“
Thomas dachte kurz nach.
„Dann haben wir wenigstens etwas, worüber wir wirklich sprechen können.“
Am Samstag saßen sie zu dritt in der Küche.
Die Mutter hatte Kaffee gekocht.
Thomas' Schwester hatte einen Ausdruck der Wohnung dabei. Er lag zusammengefaltet in ihrer Handtasche.
Eine Weile sprachen sie über andere Dinge.
Dann sagte Thomas:
„Mama, wir reden in letzter Zeit ziemlich viel darüber, wie es mit dem Haus weitergehen soll.“
Seine Mutter sah ihn an.
„Ihr redet vor allem darüber, dass ich hier raus soll.“
Seine Schwester setzte an.
Thomas hob kurz die Hand.
Nicht gegen sie.
Nur einen Moment.
„Ich würde gern erst hören, was du darüber denkst.“
Seine Mutter sah von einem zum anderen.
Dann nahm sie ihre Kaffeetasse.
„Das wäre zur Abwechslung mal ganz schön.“
Thomas' Schwester verdrehte die Augen.
Die Mutter lächelte.
Und dann begann sie zu erzählen.