Marie bemerkte die Tasse, weil sie dort nicht hingehörte.
Sie stand auf der anderen Seite des Besprechungstisches, direkt vor dem leeren Stuhl neben der Tür.
„Die ist noch von gestern“, sagte ihr Kollege, als er ihrem Blick folgte.
Marie nickte.
Natürlich.
Gestern.
Die Besprechung.
Zweieinhalb Stunden hatten sie zusammengesessen. Acht Menschen, drei Abteilungen, ein Projekt, das seit Wochen nicht richtig vorankam.
Am Anfang hatten alle durcheinandergeredet.
Nach einer Stunde hatten sie immer noch durcheinandergeredet.
Und irgendwann hatte Marie angefangen, Dinge auf ein Blatt Papier zu schreiben.
Nicht das, was gesagt wurde.
Eher das, was zusammengehörte.
Sie hatte Fragen gestellt.
„Wenn ich dich richtig verstehe, ist dein Punkt gar nicht der Termin, sondern dass du vorher wissen musst, was ihr tatsächlich liefern sollt?“
„Ja. Genau.“
Später zu einem anderen Kollegen:
„Dann widersprecht ihr euch vielleicht gar nicht. Ihr sprecht nur über zwei verschiedene Zeitpunkte.“
Irgendwann war es stiller geworden.
Am Ende lagen drei Punkte auf dem Tisch, über die tatsächlich entschieden werden konnte.
Die Tasse gehörte Daniel.
Er hatte sie stehen lassen, als er nach der Besprechung noch einmal zu Marie gekommen war.
„Gut, dass du dabei warst.“
Mehr hatte er nicht gesagt.
Jetzt, einen Tag später, stand seine Tasse noch immer dort.
Marie nahm sie mit in die Küche.
Am Abend öffnete sie happinoa®.
Eigentlich wegen etwas anderem.
Seit einigen Wochen dachte sie darüber nach, ob sie beruflich noch einmal etwas verändern sollte.
Sie war 48.
Seit fast zwölf Jahren arbeitete sie im selben Unternehmen. Nicht ungern. Aber in letzter Zeit kam dieser Gedanke häufiger.
War das jetzt alles?
Sie schrieb:
„Ich überlege, ob ich beruflich noch einmal etwas Neues machen sollte. Aber ich weiß nicht einmal, wonach ich eigentlich suche.“
happinoa® antwortete:
„Dann würde ich noch nicht bei der Frage anfangen, wohin du gehen könntest. Mich interessiert zuerst, was dir an deinem heutigen Arbeitsleben etwas bedeutet. Was davon würdest du bei einer Veränderung gerne mitnehmen?“
Marie dachte nach.
„Die Menschen.“
Dann ergänzte sie:
„Das klingt jetzt kitschiger, als ich es meine.“
„Für mich klingt es zunächst nur wichtig“, antwortete happinoa®. „Was genau an der Arbeit mit den Menschen möchtest du nicht verlieren?“
Marie schrieb eine Weile.
Dass sie gern mit unterschiedlichen Leuten arbeitete.
Dass Kolleginnen zu ihr kamen, wenn irgendwo etwas festhing.
Dass sie häufig in Besprechungen saß, obwohl das eigentliche Thema gar nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehörte.
„Warum sitzt du dann dort?“
Marie musste lachen.
„Weil irgendjemand Ordnung in den Laden bringen muss.“
Sie las den Satz noch einmal.
„Das klingt eingebildet.“
„Oder sehr selbstverständlich“, schrieb happinoa®. „Du hast gerade nicht geschrieben: Ich kann besonders gut Ordnung in komplizierte Situationen bringen. Du hast geschrieben: Irgendjemand muss es machen. Das ist ein Unterschied.“
Marie lehnte sich zurück.
„Ich mache das eben.“
„Was genau machst du?“
Diesmal antwortete sie nicht sofort.
Sie dachte an die Besprechung vom Vortag.
An Daniel.
An seine Tasse.
„Ich glaube, ich höre anders zu als manche anderen.“
„Anders in welcher Hinsicht?“
„Ich höre oft, dass zwei Leute gar nicht über dasselbe reden, obwohl beide glauben, sie würden sich widersprechen.“
happinoa® griff den Gedanken auf.
„Dann hörst du möglicherweise nicht nur auf die Aussagen. Du hörst auch auf die Unterschiede zwischen ihnen.“
Marie las den Satz zweimal.
„Ja. Vielleicht.“
Sie erzählte von der Besprechung.
Von den acht Menschen.
Von den drei Abteilungen.
Von ihrem Blatt Papier.
Von den drei Punkten am Ende.
„Und ist das ungewöhnlich?“, fragte sie.
happinoa® antwortete:
„Für dich offenbar nicht. Du beschreibst es als etwas, das du eben machst. Für deine Kollegen scheint es bemerkbar zu sein. Sonst hätte Daniel vermutlich nicht gesagt: ‚Gut, dass du dabei warst.‘“
Marie schwieg.
Dann schrieb sie:
„Interessant. Ich habe das nie als Fähigkeit gesehen.“
„Wie hast du es gesehen?“
„Als Teil meiner Arbeit.“
„Vielleicht ist es das auch. Aber etwas kann Teil deiner Arbeit sein und trotzdem eine Fähigkeit von dir.“
Marie legte das Telefon weg.
Ein paar Minuten später nahm sie es wieder.
„Ich weiß deshalb aber immer noch nicht, ob ich meinen Job wechseln sollte.“
„Nein“, antwortete happinoa®. „Das weißt du dadurch nicht. Aber vielleicht ist eine andere Frage hinzugekommen: Wenn du etwas veränderst – möchtest du diese Fähigkeit künftig weniger nutzen, genauso wie heute oder vielleicht sogar mehr?“
Marie schaute lange auf den Satz.
Dann schrieb sie:
„Mehr.“
Am nächsten Morgen stand Daniels Tasse wieder auf seinem Platz.
Marie hatte sie gespült und zurückgebracht.
Um kurz nach zehn kam eine Kollegin an ihren Schreibtisch.
„Hast du fünf Minuten? Wir kommen bei der Abstimmung mit dem Vertrieb überhaupt nicht weiter.“
Marie wollte schon sagen:
„Klar.“
Wie immer.
Stattdessen sah sie die Kollegin einen Moment an.
Dann stand sie auf.
„Ja“, sagte sie.
„Erzähl mal.“
Auf dem Weg zum Besprechungsraum dachte sie nicht daran, ob sie kündigen sollte.
Sie dachte an etwas anderes.
An etwas, das sie seit Jahren tat.
Und das vielleicht doch nicht einfach nur selbstverständlich war.